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Schöne junge Welt
Warum wir nicht mehr älter werden
von Claudius Seidl

EUR 18,00
geb., 160 Seiten
Goldmann 2005
ISBN 3442310741

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Jeder spürt es, doch keinem fällt es direkt auf …
von Dr. Winfried Bachmann

Claudius Seidl, Jahrgang 1959, reflektiert in diesem sehr persönlichen Buch seinen eigenen Entwicklungsprozess und den seiner Generation, die gerade die Vierzig überschritten hat. Als symptomatisch für seine Generation beschreibt er deren Suche nach den geeigneten Biographie-Bauplänen für ihre neuen Lebensuhren: Wo stehen wir jetzt eigentlich, wer oder was sind wir - sind wir mit vierzig, fünfzig „schon alt” oder „noch jung”?

Der Blick auf frühere Generationen hilft hier gar nicht, denn diese hatten noch einen ganz anderen Lebensrhythmus, gleichwohl hatte man bislang diese Generationen noch als implizite Vorbilder: Mit dreißig schaut man sich halt die Fünfzigjährigen an, um zu entdecken, wie man als Fünfzigjähriger sei. Doch dieser Automatismus existiert nicht mehr: Denn die heutigen mittleren Generationen verspüren eine Dynamik, eine urwüchsige Lebenskraft in sich, welche gar nicht vergleichbar ist mit der früherer Altersgenerationen.

Und so entwickelt sich ein massives Form-Inhalt-Problem in der aktuellen Generation der Vierziger und Fünfziger, indem das biologische Alter und der Körper nicht zu den (seit Generationen gelernten) Gedanken, Gefühlen und Gelüsten der Personen passt. Die Suche nach geeigneten Vorbildern, Rollenmodellen und Antworten ist dabei schwieriger als erwartet. So zitiert er Sophia, eine Frau in den Vierzigern: „Wenn sie da hinaufschaut, sagt Sophia, auf die Jahrgänge über ihr, dann sehe sie eine Wüste, eine riesige Wüste, nicht weil es dort so heiß wäre, sondern weil es dort so dürr und trocken ist, zu wenig Sex, zu wenig Stolz, schlechte Mode, viel zu wenig von allem, was Sophia für ein gutes Leben hält.” Und als Konsequenz daraus: „Die Wüste muss kultiviert werden. Das Terrain muss erobert und bewohnbar gemacht werden” (S. 52f.).

Seine Suche führt Claudius Seidl zunächst zu einer Reihe von aufs Alter bezogenen Vorurteilen und Einschränkungen, so zur Frage, was diese seine Generation überhaupt noch vollbringen können (sollte)
– hier setzt er sich mit der schon 1953 veröffentlichten Studie von Harvey Lehmann auseinander, wonach kühne und bahnbrechende Erfindungen und Entdeckungen vornehmlich von den Unter-Dreißigjährigen vollbracht würden (s. S. 38ff.),
- diskutiert den Kurswert von Weisheit und Erfahrung in einer Welt, die dem Wandel hemmungslos huldigt und dabei auf die jugendlichen Eigenschaften wie Neugier, Naivität, Flexibilität und Lernfähigkeit setzt (S. 66f.),
- entlarvt den Jugendwahn, welcher vornehmlich in den Köpfen von Personalchefs dazu geführt hat, dass ältere Mitarbeiter freigesetzt werden und dadurch die innere Balance zwischen den Generationen in den Unternehmen nachhaltig zerstört wurde.

Doch „nur eine gute Balance zwischen jugendlichem Geist und erwachsener Weisheit sichere der Gesellschaft die Zukunft. (Denn) wo der Geist dominiere, da herrschten Unreife und Geschichtslosigkeit und im schlimmsten Fall auch Willkür und Gewalt. Und da, wo das Gewicht der Weisheit zu groß sei, erstarre und verkruste die Gesellschaft und mache die Vergangenheit zum einzigen Maßstab der Zukunft. Die Weisheit brauche den Geist, weil sie sonst kapitulieren müsste vor allem, was neu ist und unerwartet geschieht. Und der Geist brauche die Weisheit, weil er zwar das Rad erfinden könne; aber erst die Weisheit bringe diese Erfindung dann in einen Sinnzusammenhang mit den Traditionen einer Gesellschaft: Die Weisheit erkennt, dass man mit Rädern nicht bloß Lasten, sondern auch Werte und Moral transportiert” (S. 70).

Seidls Suche führt zwangsläufig auch zu der Frage, warum wir überhaupt altern – aus biologischer Sicht verfügt die Evolution über kein Programm, welches den Verfallsprozess explizit steuert, sondern nur über ein Programm, welches uns zunächst wachsen und reifen lässt bis zur Paarungsreife. Die dabei beim Menschen einzigartig verzögerte Entwicklung ist dabei das entscheidende Evolutions-Merkmal oder – wie es Stephen Jay Gould ausdrückt: „Der Mensch ist also zum Menschen geworden, als er begann, seine Kindheit und Jugend immer weiter hinauszuzögern” (S. 129).

Der Verfallsprozess selbst wird also nicht biologisch begründet, sondern schlicht und einfach dadurch, dass wir unsere Körper gebrauchen und diese durch den Gebrauch dann verschleißen. Die heutzutage intensive Suche nach den chemischen Ursachen des Verschleißes entspricht so der Suche nach dem Stein der Weisen, dem oder den Mittelchen, welche dann das Altern verzögern oder gar stoppen können.

Doch welche Schlussfolgerung zieht Seidl nun aus seinen Überlegungen? – Wenn wir nicht mehr nach den Vorbildern früherer Generationen leben können, so bleibt uns nur eines zu tun: „Wer immer jung bleiben will, muss die Gegenwart verbreitern, weil er sich verpflichtet, die immer selben Zukunftsvisionen als nicht verwirklichte durch die Zeit zu scheiben” (S. 183). Oder wie es Michael Kors, ein amerikanischer Mode-Designer, als Leitbild beschreibt: „Jeder ist fünfunddreißig” ... und damit hat Kors dieses Alters-Bild als gegenwärtiges Ideal für alle Altersgruppen von zwanzig bis sechzig proklamiert. Und so wie in Hollywood die aktuellen Stars von zwanzig bis sechzig, so wie die Stones und Beatles als Zeitgenossen akzeptiert werden, so wird diese Generation ihre Gegenwart als „ein Alter” erleben.

Ob dies aber wirklich so erstrebenswert sei, da kommen Seidl Zweifel: „Wenn wir wirklich fünfunddreißig Jahre lang fünfunddreißig blieben, dann sähe das auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht aus, die Frauen blieben fruchtbar und die Männer potent, und die Kinder hätten Eltern, die zugleich wie ihre Geschwister wären, und schon diese Vorstellung erinnert uns daran, dass etwas nicht stimmte in der Familie von König Ödipus. Fünfunddreißig Jahre lang hätten wir dieselben Gesichter und guckten in dieselben Gesichter, in denen wir nur die Öde der Gegenwart sähen und weder die Zeugnisse gelebten Lebens noch die Hoffnung auf eine andere Zukunft” (S. 184f.).

Und weil ihm diese Aussichten letztlich nicht gefallen, so söhnt sich Seidl zum Schluss mit sich und seiner Generation aus: Letztlich kommt es darauf an, sich mit den Zeichen des Alters zu versöhnen: „Wer älter wird, schreibt Graham Greene im »Stillen Amerikaner«, wird dabei auch weniger kompliziert, und wer weiß, vielleicht ist es ja ganz einfach, an das Land zu gehen und in der Abendröte noch einmal hinauszuschauen aufs Meer der Möglichkeiten, in dem man nicht ertrunken ist.” (S. 184).

Ich empfehle dieses Buch, weil es so treffend das Lebensgefühl unserer Generation beschreibt und damit erste Marker in die Landkarte unserer Zukunft setzt. Wer sich orientieren möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Oder wie es Seidl ausdrückt: „Wir werden lernen müssen, weise zu werden – und dabei jung zu bleiben” (S. 71).
© Dr. Winfried Bachmann

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